Fleckvieh-Fleischrinder im Voralpenland

Auf einem Bauernhof in Oberbayern werden seit mehr als 20 Jahren Fleischrinder mit einer „natürlich“ hornlosen Fleckviehherde gehalten. Diese Nukleusherde bietet dem interessierten Rinderzüchter aus dem In- und Ausland einige interessante Aspekte und möglicherweise auch neue Impulse für die extensive Rindfleischproduktion.

Inhalt

Der Betrieb

Ursprünglich, in den 1960er Jahren, war das Gestüt ein fortschrittlicher Milchviehbetrieb mit schwarz-weißen Milchkühen und einer der Pioniere beim Import von originaler Holstein-Friesen-Genetik („Papst Ideal“, Berater: Prof. Bakels). Die letzten Holstein-Rinder verließen den Betrieb 1996. Die hornlose Fleckviehherde stammt aus der bayerischen Fleckvieh-Kernpopulation in Guglhör und zog 1997 in ihre neue Heimat nach Oberbayern. Der Betrieb verfügt derzeit über 55 Hektar absolutes Grünland, das als Weidefläche und für die Winterfutterproduktion genutzt wird. Die Fleckviehherde besteht derzeit aus 23 Fleischkühen mit Nachzucht und 1 – 2 Mastochsen. Die weiblichen Tiere werden ab April gedeckt, seit einigen Jahren gemischt durch den Einsatz von künstlicher Befruchtung und natürlicher Paarung, die Abkalb-Saison ist von Ende Januar bis Ende März geplant. Ab Ende April grasen die Tiere auf Weiden in Hofnähe, in der letzten Juniwoche ziehen die Kühe mit ihren Kälbern für insgesamt ca. 8 Wochen auf ausgedehnte Almen im Karwendelgebirge.

Weiderinder

Seit den Anfängen ist „Kraftfutter“ oder „zugekauftes Futter“ konsequent aus der täglichen Ration verbannt worden. Frisches Gras (mit einem hohen Anteil an Kräutern), Heu und Grassilage sind die ausschließlichen Futterkomponenten. Mineralien und Spurenelemente werden über Schalen oder spezielle Lecksteine angeboten. So wird sichergestellt, dass der Fleischzuwachs zu 100 % aus Gras oder Heumilch besteht. Die für die Zucht ausgewählten Jungbullen werden im Alter von 9 – 10 Monaten mit einem Gewicht von 480 – 520 kg in eine spezielle Bullenstation geschickt, wo Maissilage und Kraftfutter Teil der Ration sind. Alle Schlachttiere der Herde (Ochsen, Kühe, Mastkälber oder Bullenkälber) tragen das Prädikat „Weiderindfleisch“.

Züchtung nach Herdenbuch

Seit 1997 ist die Genetik der Fleckviehherde eng mit dem Hornlosen-Zuchtprogramm des Freistaates Bayern verknüpft. In der Zeit von 1998 bis 2005 wurden immer wieder erfolgreiche, hornlose Fleckviehbullen aus dem Gestüt Schwaiganger als Deckbullen eingesetzt. Nach der Übergabe der Fleckviehherde an das Gestüt Neuhof/Schwaben entwickelte sich eine sehr intensive züchterische Zusammenarbeit mit der Bayern-Genetik, die ihrerseits seit Ende der 70er Jahre aktiv an der gezielten Einführung des Hornlos-Gens in die bayerische Fleckviehpopulation beteiligt ist. In den letzten 13 Jahren waren so bekannte Bullen wie BG STEINADLER PP, BG EXCALIBUR Pp, BG GIGANT Pp, BG GERMANICUS Pp oder zuletzt BG HENNESSY PP in der Herde aktiv, über dessen Nachkommen später berichtet wird. Rinder sind auf Almen nicht üblich – hervorragendes Bergpanorama.

Während die Herde anfangs von den Weilheimer Zuchtverbänden gezüchtet wurde (Herdenbuch für Zweinutzungsfleckvieh), war der Übergang zum Bayerischen Fleckviehzuchtverband eine intensive Leistungsprüfung, insbesondere für die Rindfleisch-Leistung. Derzeit werden folgende Gewichte in der Herde gemessen:

  • Geburtsgewicht (Januar – März)
  • Gewicht vor dem Transport zu den alpinen Wiesen aller Kühe, Kälber und Ochsen (Juni)
  • Gewicht aller Kühe, Kälber und Ochsen (September) nach dem Transprt zu den alpinen Wiesen
  • Gewicht beim Entwöhnen mit ca. 9 Monaten (November)
  • Gewicht mit 365 Tagen

Das Wiegen der Kühe beim Entwöhnen im November ist auch für 2019 vorgesehen. Bayern-Genetik hat bereits einige hochinteressante Fleckviehbullen aus der Herde für die künstliche Befruchtung ausgewählt, darunter die Bullen BG GERMANICUS Pp, BG BERTONI PP, BG EX MACHINA PP und BG HARNAS PS. Alle diese Bullen wurden bzw. werden auch auf ihre Milchleistungseigenschaften geprüft, da es von unschätzbarem Wert ist, zu sehen, welche Milchleistungen die Töchter von reinen Rindfleisch-Bullen erbringen können. Diese Form der Leistungsprüfung ist weltweit einzigartig und für viele Kunden ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl von Bullen für die künstliche Befruchtung.

Zuchtschwerpunkt

Körper- und Augenpigment
Höhere Sonneneinstrahlung im Alpenvorland und in den Alpen sowie langanhaltende Dürreperioden mit starker Hitze erfordern mittelfristig züchterische Überlegungen in der Fleckviehpopulation. Rot- oder gelbgedeckte Rinder mit Augenpigment haben deutlich weniger Probleme mit Sonnenbrand, Hautreizungen oder „Rosa Augen“ (Moraxiella bovis) oder „Krebsauge“ als Tiere mit viel Weiß an Körper und Auge. Mittlerweile ist die Herde zu 100 % gedeckt und weist einen Augenpigmentanteil von 70 % auf. Diese Zahlen kommen dem Optimum schon sehr nahe.

Fellqualität
Während in Europa dem Thema Fellqualität noch wenig Beachtung geschenkt wird, findet in dieser Herde eine Selektion auf feines Fellkleid über den charakteristischen „Winterfellwechsel“ statt. Je schneller der Fellwechsel erfolgt, desto schwieriger ist es für Ektoparasiten, die Tiere zu besiedeln (Läuse, Zecken, Milben) und desto früher können sie auf dem Fell nachgewiesen werden. In der südlichen Hemisphäre ist die Fellqualität bereits unverzichtbar für die Tierhaltung, in Europa ist sie noch immer ein Ausschlusskriterium für Rinderrassen.

Selektion auf Milchleistung und Widerstandsfähigkeit
Eine flache Laktationskurve ist für Mutterkühe, die ausschließlich auf Gras gehalten werden, von großer Bedeutung. Die Kennzahl (10 kg Milch = 1 kg Kälberzuwachs) gilt nach wie vor für die extensive Rindfleischproduktion und die Nutzung der Milch als „natürliches Kraftfutter“ ist daher für die Rentabilität unter Weiderinder-Bedingungen von entscheidendem Interesse. In der Zuchtsaison 2019 wurde der Spitzenvererber BG MAHANGO Pp per künstlicher Befruchtung als Anpaarungsbulle für die weibliche Nachzucht der BG HENNESSY eingesetzt, um die Milchleistung, Widerstandfähigkeit, Abkalbsicherheit und den robusten Typ (R-Typ) weiter zu verbessern und zu stabilisieren.

Natürliche Entwöhnung
Dieser Begriff wurde von Bayern-Genetik für das späte Entwöhnen der Kälber gewählt und beschreibt den Prozess des natürlichen Entwöhnung von der Mutter in der verlängerten Vorgeburtsphase. Während bei Wildwiederkäuern die Milchleistung recht früh abbricht, wird beim Fleckvieh eine gute Milchleistung bis zum Entwöhntermin veranschlagt, sodass auch am Ende der Säugezeit noch hohe Tageszunahmen aus Gras und Milch erzielt werden können. Bei einer angenommenen Zwischenkalbzeit von 365 Tagen werden Säugezeiten von 9 – 10 Monaten mit einer Laktationsleistung der Mutterkühe von 3.500 – 4.000 kg Milch angestrebt.

Wiederbelebung der „ausgestorbenen Fleckviehlinien“
Der hohe Anteil an homozygot hornlosen Kühen (PP) ermöglicht eine sorgfältige Anpaarung mit gehörnten Bullen, um die genetische Varianz innerhalb der Herde zu erhöhen. In der Herde befinden sich Nachkommen von Fleckviehlinien, die in Deutschland bereits ausgestorben sind, z.B. Töchter aus der HARZ-, SALUS-, PLATEN- oder HANNES-Linie, die in der Vergangenheit zum Teil herausragende Fleisch- und Typmerkmale vererbt haben. Aktuell haben einige Kühe hervorragende Kälber aus SAMBACH und einer namibisch gezüchteten METZ-Nachzucht. Durch die Anpaarung an homozygot hornlosen Tiere kann schnellstmöglich interessante ehemalige Horngenetik für nationale und internationale Fleckviehzuchtprogramme zur Verfügung gestellt werden.

Fleischqualität – essentielle Fettsäuren & Eiweiß
Weiderinder haben durch den Verzicht auf Mais ein besseres Fettsäuremuster als Rindfleisch aus der klassischen Bullenmast im Mastbetrieb. Künftig werden Fleischproben auf Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren untersucht und deren Verhältnis im Fleisch bestimmt, ebenso wie der Gehalt an konjugierten Linolsäuren (CLA). Außerdem wird der ß-Kasein-Status von weiblichen Zuchtkälbern untersucht, um mittelfristig nur noch reine A2A2-Kühe in der Herde zu haben.

Beweidungsstrategien

Absolutes Grünland kann nur von Wiederkäuern sinnvoll und effizient genutzt werden. Zukünftig werden auf dem Betrieb neue Beweidungssysteme umgesetzt, die eine positive Humusbilanz sicherstellen, eine hohe Pflanzenvielfalt gewährleisten und die Bodenstörung minimieren.

Fleckvieh-Rinder Kalb

Leistungsergebnisse 2018

Die Leistungsergebnisse aus dem Jahr 2018 sind insofern interessant, als dass die 21 Nachkommen (10 Kuhkälber, 11 Bullenkälber) alle von dem Bayern-Genetik-Bullen BG HENNESSY PP abstammen und somit keine Bulleneffekte zu berücksichtigen sind. Alle Kälber wurden in die Auswertung einbezogen, wobei ein Kalb kurz nach der Geburt seine Mutter verlor und nur durch „Milchraub“ über die Runden kam. Nach einem normalen Frühjahr und einem unterdurchschnittlichen Alpsommer zeigte die Herbstweide deutliche Spuren von Trockenheit und weniger Ertrag. Sowohl die Stierkälber als auch die Färsenkälber haben sich bis zum ersten Wiegen im Juni 2018 mit normalen Geburtsgewichten sehr gut entwickelt. Die Almzeit von genau 80 Tagen stellt für Kühe und Kälber eine Zäsur dar. Die Tageszunahmen der Stierkälber fallen von einem hohen Niveau sogar unter die Zunahmen der Färsenkälber. Im Zusammenhang mit der katabolen Phase der Mutterkühe während der Almzeit, kann man durchaus von einem gewissen „Umweltstress“ sprechen. Bei näherer Betrachtung zeigen die Daten ein hohes Maß an tierindividuellen Unterschieden – z.B. hatten vier Kühe genau den gleichen Gewichtsverlust, wie ihre Kälber im Wachstum zeigten. Es gibt jedoch einige Kühe, die deutlich geringere Gewichtsverluste erzielten, als ihre Kälber beim Zuwachs. Dies wirft die Frage auf, ob sich hier eine „Selektionsmöglichkeit“ ergibt, um Kühe zu erkennen, die unter schwierigen Umweltbedingungen deutlich bessere Leistungen erbringen und dabei ihre Gesundheit erhalten. Die Analyse der Zeit vom Aufstallen bis zum Entwöhnen zeigt den Effekt des „kompensatorischen Wachstums“. Während die Färsenkälber auf das Niveau der Tageszunahmen vor der Zeit auf der Alm zurückkehren, zeigen die Bullenkälber eine wahre Explosion mit einem Anstieg der Tageszunahmen auf 1,91 kg. Ob es sich dabei um eine „testosteronbedingte“ Steigerung handelt, muss noch genauer untersucht werden. Die Fähigkeit, trotz abnehmender Weidefläche und schwächerer Milchproduktion der Mütter über einen Zeitraum von mindestens 2 Monaten rund 2 kg pro Tag an Gewicht zuzulegen, zeigt ein enormes Potenzial. Ein indirektes Selektionsinstrument für die Milchleistung ist das Verhältnis zwischen dem Lebendgewicht der Mutter und dem standardisierten 205-Tage-Gewicht, d.h. die Entwöhnungsrate der Kuh in Prozent des eigenen Körpergewichts. Die Spitzenwerte von bis zu 59 % stammen von Kühen, die ein Lebendgewicht von rund 620 kg (unterdurchschnittlich) aufweisen und während der Periode auf der Alpwiese deutlich weniger Körperbedingungen abgebaut haben.

Schlussfolgerung

Die hornlose Nukleusherde zeigt die aktuelle Leistungsfähigkeit der Rasse Fleckvieh bei „Null Kraftfutter“ durch eine intensive Leistungsprüfung. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Bearbeitung weiterer Merkmale, die eingeführten Umweltmaßnahmen und eine gezielte Selektion auf die Leistungsdaten der Herde auswirken werden.

Quelle: Bayern-Genetik GmbH/Fleckvieh-World

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