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Thomas Sander – Philosophie der Regenerativen Landwirtschaft

Der Begriff „Regenerative Landwirtschaft” sei seiner Meinung nach sehr schwammig und nicht wirklich greifbar. Mit dem Anstrich einer scheinbaren Nachhaltigkeit nutze es gerade jeder für die eigene Agenda.

Anja von soilify spricht mit Landwirt und Direktsäer Thomas Sander u.a. über die Bedeutung von Beobachtungen, um Erkenntnisse zu gewinnen und die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Zudem wurde die Frage gestellt, wie die Kommunikation mit Menschen in der Politik verbessert werden kann. Im Laufe des Gespräches stellt sich heraus, worauf grundlegend geachtet werden darf, damit Deutschland weiter seine wirtschaftliche Stärke zeigen kann.

Mit Humor, Charme und jeder Menge Ruhe kommen spannende Perspektivwechsel zutage. Viel Spaß beim Schauen und Nachlesen.

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Die 4. Folge

Hier bekommst du einen Überblick über die gesamte Folge. Über die Zeitstempel kannst Du direkt zu dem jeweiligen Thema im Interview springen.

0:00 – Vorspann
1:24 – Vorstellung von Thomas Sander / 20 Jahre Direktsaat
2:35 – Was ist regenerative Landwirtschaft?
17:35
– Beobachtung und Wissenschaft
27:16 – Der Konsument und seine Vorteile
43:20 – Kommunikation mit der Politik
1:05:49 – Bauern machen Politik
1:13:00
– Das Potential von Deutschland

Inhalt des Interviews

Der orgelbauende Landwirt

Der ehemalige Orgelbauer Thomas Sander und sechsfacher Familienvater arbeitet als Quereinsteiger nun schon seit gut 20 Jahren in der Landwirtschaft.

Der Begriff „Regenerative Landwirtschaft” ist seiner Meinung nach doch noch sehr schwammig und nicht wirklich greifbar. Mit seinem Anstrich einer scheinbaren Nachhaltigkeit nutze es gerade jeder für die eigene Agenda. In Thomas eigener Vorstellung sollte sich der Begriff der Regenerativen Landwirtschaft mit der von der Conservation Agriculture (externer Link zur offiziellen Definition der FAO) decken, denn dieser sei klar von der FAO definiert – mit ganz klaren Richtlinien.

Von der Natur lernen

Thomas schließt mit dem Versuch einer Definition der beiden Begriffe:
Regenerativ im Sinne von „Erzeugung gesunder Nahrungsmittel mit so wenigen Eingriffen in Ökosysteme wie möglich“.
Den Begriff Landwirtschaft sieht er als ein „gewisses Zurückdrängen der Natur zugunsten der Kultur“. Mit dem Einsatz bestimmter Werkzeuge gewähren Landwirte der Kultur einen Vorsprung – natürlich immer auch auf Kosten der Biodiversität. Das liege nun mal in der Natur der Dinge.

Der Kampf Natur vs. Kultur

Thomas Sander betitelt sich selbst als Freund einer „nachhaltigen Intensivierung“. Pflanzen zu töten, gehöre nun mal zum Handwerkszeug eines jeden Landwirts. Seiner Aussage nach hat der Einsatz eines Herbizids wie Glyphosat deutlich geringere Nebenwirkungen als das Abtöten von Pflanzen mittels Bodenbearbeitung. Denn auf diese Weise bleibe die Bodenstruktur unberührt.

Durch die Züchtung von Kulturpflanzen wurde die eigene Resilienz gegenüber Unkräutern zusehends geschwächt. Dieser Kampf zwischen Kultur und Natur entscheide sich am Ende auf chemischer Ebene über ihre Wurzelausscheidungen und das gebildete pH-Milieau drumherum. Was all diese Zusammenhänge angeht, wissen wir gerade auch in der Direktsaat noch sehr wenig. Erkenntnisgewinne laufen auf Thomas’ Betrieb hauptsächlich über tägliche Beobachtungen.

Das neue Denken

Bisherige Theorien werden in seiner Arbeit oft durch neue Erkenntnisse zu neuen Theorien abgelöst – das aber bedarf einer gewissen Flexibilität im Denken. Nur im Lernprozess entstehe Wissen. Frei nach dem Motto: Versuch und Irrtum. Wenn mal etwas nicht funktioniert, fragt Thomas nach Gründen. Aus seinen Misserfolgen zieht er meist mehr Erkenntnisse als aus seinen Erfolgen. Aus Erfahrung entstehe Intuition und aus Intuition entstehe Wissen. Das Warum habe am Schluss die Wissenschaft zu klären. Das ständige Hinterfragen stärke die eigene Intuition, die nicht unterschätzt werden sollte. Jeder Landwirt müsse diesen oft sehr steinigen Weg selbst beschreiten, um dazuzulernen. Laut Thomas’ Meinung gibt es da keine Patentrezepte. Fragen zu stellen sei gerade in Zeiten der ständigen medialen Dauerbeschallung wichtiger denn je.

Hätte Thomas vor Jahren auf den heutigen Stand der Wissenschaft gehört, hätte er wohl niemals mit der Direktsaat begonnen. „Und dann kam derjenige, der nicht wusste, dass es nicht funktionieren soll, und hat es einfach gemacht.“ Es hat funktioniert. Sein Appell: Hinterfrage alles und springe ins Wasser, um schwimmen zu lernen. Natürlich immer mit einem überschaubaren Risiko.
Thomas erfreut es zu sehen, wie derzeit das Interesse an der Direktsaat besonders auch bei jungen Landwirtinnen und Landwirten steigt, trotz eines drohenden Glyphosatverbots. Deutschland gehe derzeit den Weg, den Länder wie Argentinien, Brasilien oder Nord-Amerika vor etwa 20 Jahren gegangen sind.

NGOs haben gar kein Interesse bestehende Probleme in der Landwirtschaft zu lösen, denn nur mit diesen Problemen lassen sich Spendengelder akquirieren.

Essen ist in aller Munde

Thomas kritisiert, dass die Landwirtschaft zwar in den letzten Jahrzehnten vieles verbessert, aber es offensichtlich versäumt habe, über diese Errungenschaften zu sprechen. Dabei hebt er besonders das Precision-Farming und den deutlich effizienteren und reduzierten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln hervor. In dieses Kommunikationsvakuum seien nun viele NGOs gesprungen, die ihre finanziellen Mittel einzig über eine negative Darstellung der Landwirtschaft generieren. Thomas provokant: „NGOs haben gar kein Interesse, bestehende Probleme in der Landwirtschaft zu lösen, denn nur mit diesen Problemen lassen sich weiter Spendengelder akquirieren.“

Wir dürfen dabei nie vergessen: Man kann zwar den Willen haben, Gutes zu tun, aber schaffe dadurch nur neue Probleme. Aus diesem Grund sei es so wichtig, das Problem zunächst genau zu analysieren und sich dann zu fragen, wie belastbar die jeweiligen Daten tatsächlich sind. Was soll konkret erreicht werden? Welche Zielkonflikte könnten sich daraus ergeben?

Beispiel Glyphosat

Glyphosat sei zwar eines der umstrittensten, aber auch das meist untersuchte Totalherbizid, das sich am schnellsten abbaue und nachweislich keine Langzeitwirkungen im Boden verursache. Ein Verbot würde ein Zuwachs an Bodenbearbeitung nach sich ziehen, was wiederum zu mehr Wasser- und Winderosion (Bodendegradation) und zu einer zunehmenden Belastung von Flüssen durch Anreicherung von gelösten Nährstoffen führe.

Reden Sie mit Landwirten – nicht über sie!

Durch eine zunehmende Entfremdung zwischen Stadt und Land komme es auch zwangsläufig zu einem sinkenden Verständnis der Stadtbewohner der Landwirtschaft gegenüber. Der Mensch in der Stadt verliere die Verbindung zum Boden, unserer wichtigsten Ressource.

Ins Gespräch kommen

Wer erfahren möchte, welche Landwirte in der Umgebung regenerativ arbeiten, kann dafür einfach das soilify Verzeichnis nutzen. Auch die Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e.V. fördert mit ihren Angeboten die Verbreitung einer bodenaufbauenden Landwirtschaft.

Ideologie führe zu Not und Elend

Den Kern der heutigen Probleme sieht Thomas Sander ganz klar darin begründet, dass Politiker und andere Führungspersönlichkeiten mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht mehr konfrontiert und zur Rechenschaft gezogen werden würden. Dort herrsche ein Größenwahn vor, der keine Demut vor der Schöpfung kenne. Anja wirft ein, dass Ihnen wohl die Erdung fehle. Thomas nickt zustimmend und fährt fort. „Wenn ein Landwirt eine falsche Entscheidung trifft, ist er davon unmittelbar betroffen. Das Feld gibt Dir recht schnell eine Rückmeldung, ob deine Entscheidungen richtig oder falsch waren. Auch Handwerker müssen für ihre Fehler einstehen. Auf diese Weise lernt man aus Fehlern. Vor 2022 gab es noch das sogenannte Praktikernetzwerk des BMEL.“ Leider würde dessen Input laut Thomas einfach nicht verwertet. Heutzutage werden nur noch die Leute um sich geschart, die man als Politiker hören möchte. Das sei ganz klar Realitätsverweigerung, meint Thomas. Die Politik habe aber scheinbar kein Interesse daran, aus Fehlern zu lernen. Nur der Austausch mit Leuten aus der Praxis könne relevanten Input für zukünftige Entscheidungen geben. Die Praktiker müssen gehört werden.

Wir sind gerade auf dem Weg, dieses Land in ein Industrie- und Agrarmuseum zu verwandeln.

Es kommen schwierige Zeiten auf uns zu, meint Thomas – getrieben durch eine geisteskranke Ideologie mit einer physikleugnenden Energiewende. Wir können nicht einfach alles übers Knie brechen: Dinge brauchen einfach auch ihre Zeit. Besonders auch in der Landwirtschaft. Solange wir keine bessere Alternativen zu fossilen Verbrennern haben, können wir die nicht einfach verbieten. Das Bessere verdrängt das Gute. Aber darüber haben nicht wenige Politiker zu entscheiden, sondern die Schwarmintelligenz vieler. „Die Klugen sind still und die Dummen reißen das Maul auf“.

Wir können uns nicht selbst überholen, ohne uns selbst zu zerstören.

Trotz allem könne man all die Probleme auch als Chance sehen. Auch dieses Mal wird sich die Landwirtschaft an diese neuen Bedingungen anpassen, indem sie noch effizienter mit ihren Ressourcen umzugehen lerne. Not mache schließlich erfinderisch und Kreativität steige mit zunehmender Bedrängnis von außen. Wir können die Krise auch als Chance sehen, so Thomas mit einem doch recht zwiespältigen Blick auf die Dinge, die da kommen mögen.

Thomas weiter: Im Kern sollte sich doch jeder Landwirt fragen, wie er mit dem, was ihm zur Verfügung steht, am effektivsten umgehen kann. „Wenn die Agrarwende in einem konstruktiven Sinne vollzogen ist, hat am Ende tatsächlich das Bessere das Gute verdrängt.“

Auch regeneratives Denken kann man lernen

Timo aus dem soilify Team stellt eine Frage aus dem Off: Was würde denn passieren, wenn die Landwirte wieder mehr Freiheiten hätten und alle Regulierungen wegfielen?

Darauf Thomas: Durch weniger Vorschriften könne sich mehr Vielfalt entfalten. Landwirte würden wieder mehr Neues ausprobieren und experimentieren. Dadurch entstünden mehr Innovationen. Wenn aber die Räume immer enger würden, käme es zu einer Vereinheitlichung des Systems. Als Beispiel führt Thomas die neue, strenge Düngeverordnung an, in der die Düngereffifzienz durch termingebundene Regeln wieder abnehme. Er plädiert für einen Blick über den Tellerrand hinaus, einen regen Austausch zwischen den beiden Welten bio und konventionell. Alle können voneinander lernen. Die Gefahr von Schwarzen Schafen schätzt er dagegen als gering ein, dafür seien die Betriebsmittel einfach zu teuer.

Am Ende des Interviews stellt Thomas noch einige Fragen in den Raum: Etwas provokant ausgedrückt sieht er die heutige Landwirtschaft als eine moderne Form der Leibeigenschaft. Was macht ein bedingungsloses Grundeinkommen mit einem Volk, und ab wann wird es zu einem grundlosen Bedingungseinkommen? Wer soll das Geld zukünftig erwirtschaften? Wer soll es noch machen? Die Geldmenge müsse zur Wertschöpfung passen, sonst komme es zur Inflation.

Abschließend wählt Thomas wieder versöhnliche Worte: „Jeder ist bei mir willkommen, wenn derjenige den Mut hat, einen gedanklichen Perspektivwechsel anzugehen und über die Rahmen der gängigen Narrative hinauszugehen.“

Anja: Danke für dieses inspirierende Gespräch, Thomas.

Neue Perspektiven

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Die nächste Folge

Weltweite Bedeutung der regenerativen Landwirtschaft mit Dr. Theodor Friedrich (Premiere: 26.08.23 auf YouTube)

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