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10 Fragen an die Politik

Robert Häußler, Geschäftsführer von ZGJ Landwirtschafts GmbH und Landwirtschafts GmbH aus Calau, teilt seine Erfahrungen in der Landwirtschaft auf zwei Farmen mit insgesamt 1700 Hektar. Er betont die Bedeutung von zuverlässigen Rahmenbedingungen, finanziellen Anreizen und kurzen Lieferketten für erfolgreiche Landwirtschaftspraktiken.

Häußler setzt sich für Agroforstwirtschaft und die Produktion hochwertiger Produkte ein, um ein diversifiziertes Einkommen zu schaffen. Er stellt auch Fragen an die Politik hinsichtlich der Behandlung von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und der Rolle der Bürokratie in der Landwirtschaft.

Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft

Mein Name ist Robert Häußler. Ich bin Geschäftsführer der ZGJ Landwirtschafts GmbH und der Landwirtschafts GmbH aus Calau. Gemeinsam mit meiner Frau und 18 Beschäftigten bewirtschaften wir circa 1700 Hektar auf beiden Betrieben, jeweils zur Hälfte im konventionellen Direktsaat-System und die andere Hälfte nach biologischen Richtlinien.

Wir halten 350 Kühe, haben noch eine kleine Mutterkuhherde von 50 Köpfen und seit anderthalb Jahren auch 650 Legehennen in zwei mobilen Ställen. Vor zwei Jahren haben wir begonnen, ein Agroforstsystem auf einer zehn Hektar großen Ackerfläche zu etablieren. Der Südbrandenburger Weg bedeutet für mich, allen voran proaktiv zu sein, voranzugehen, nicht zu warten, bis etwas passiert, sondern so gut wie möglich vorauszuschauen und unseren Platz und unsere eigene Nische zu suchen und zu finden. Wir fokussieren uns auf Produkte mit herausstellenden Merkmalen, die gefragt sind, um sie aus der anonymen Masse herauszuheben und ihren tatsächlichen Wert sichtbar machen zu können. Auf unserem Betrieb versuchen wir dies mit der Produktion und regionalen Vermarktung von Geflügelprodukten zu realisieren. Hierbei helfen uns die transparente Produktion und die positive Verknüpfung mit der Spreewaldregion bei der erfolgreichen Vermarktung unserer Produkte.

In anderen Betriebszweigen können wir diesen Vorteil natürlich nicht ausspielen. Wir können noch so häufig betonen, dass unsere Milch in der Spreewaldregion erzeugt wurde, aber in der Vermarktung eines austauschbaren Massenprodukts interessiert das keinen Menschen, und schon gar nicht ist jemand dazu bereit, mehr Geld dafür auszugeben. Unsere Strategie für die Zukunft ist daher, einen Einkommensmix zu realisieren, um Risiken zu minimieren und Stabilität zu schaffen. Bewirtschaftungsmethoden müssen immer wieder aufs Neue hinterfragt und an ändernde Gegebenheiten angepasst werden. Und schließlich dürfen wir niemals aufhören, Neues auszuprobieren und Neues zu wagen. Dazu muss man aber auch finanziell in der Lage sein. Jeder Betrieb, der etwas Neues ausprobiert, muss im Zweifelsfall auch in der Lage sein, Misserfolge, die damit verbunden sind, abzufedern, ohne gleich seine eigene wirtschaftliche Stabilität aufs Spiel setzen zu müssen.

Was brauchen wir, um Erfolg haben zu können? Wir benötigen verlässliche Rahmenbedingungen, Gestaltungsfreiräume und finanzielle Anreize statt Verbote. Wenn zusätzliche Umweltleistungen gefordert werden, dann müssen diese auch mit zusätzlichen Mitteln gefördert werden und nicht durch Umschichtungen finanziert werden. Durch das aktuelle Förderwesen wird nicht nur die Motivation der Landwirte zunichte gemacht, sondern die Funktion der Agrarförderung als notwendige einkommenswirksame Ausgleichszahlung ad absurdum geführt.

Was wir weiterhin benötigen: kurze Wege zur Verarbeitung und Absatz, Abkehr vom Prinzip Tönnies, Lidl und Aldi. Und dieses Ziel erreichen wir nicht mit der Bürokratisierung von jedem Handschlag, den wir tun. Die Bürokratie, wie sie in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist, hat zu Strukturbrüchen in der Landwirtschaft beigetragen. Und sie hat ganz sicher nicht dazu geführt, dass bäuerliche, kleinstrukturierte Landwirtschaft ein anzustrebendes Unternehmensprofil für einen Landwirt ist. Als Landwirt bin ich von Haus aus Optimist, doch was mich maßlos ärgert, habe ich mal anhand von einigen Fragen an die Politik zusammengefasst:

Erstens: Warum werden konventionelle und nach Bio-Richtlinien betriebene Landwirtschaft auf einer Ebene gegeneinander ausgespielt? Liegt es nicht im Interesse der Gesellschaft, beide Verfahren zusammenzuführen und die jeweiligen Vorteile auf der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche zu realisieren? Und eines sei aus meiner landwirtschaftlichen Praxis angemerkt: Die intensive Bodenbearbeitung im ökologischen Landbau, verbunden mit hohem Arbeitskräfteeinsatz und Maschinenstunden, die sie verbrauchen, sowie die Zerstörung der Bodenbiologie und der Humusverzehr gehören nicht zu den Pluspunkten des biologischen Anbaus.

Zweitens: Warum kann man nicht einfach anerkennen, dass konventionelle, regional geprägte Betriebe nahezu genauso nachhaltig wirtschaften können wie ein Bio-Betrieb? Statt zu suggerieren, dass ein noch höherer Bio-Anteil die Lösung sei, könnte man doch über die Frage diskutieren, ob der Biolandbau wirklich die nachhaltigere Anbauweise hinsichtlich Ressourceneffizienz und Versorgungssicherheit ist. Die ganze Diskussion könnte man sich sparen, wenn man die zwei drei unstrittigen Problembereiche der jeweiligen Anbauverfahren beispielsweise über Anreizsysteme auslaufen lässt. Auch hierzu würde es keine Verbote benötigen. Setzt man die richtigen Anreize, läuft die Sache oft mit minimalem finanziellem Aufwand hin zu maximalen gesellschaftlichen und ökologischen Wohlfahrtsgewinnen.

Drittens: Wieso kann man nicht ehrlich sagen, dass es bei uns noch gar keinen ausreichenden Markt für regional erzeugte Bio-Produkte gibt und der Handel sich stattdessen überwiegend mit billiger Bio-Ware aus dem Ausland eindeckt? Wir bedienen mit unseren Bio-Produkten genau dasselbe Einzelhandelssystem wie wir es mit konventionellen Produkten auch tun, nur mit dem Unterschied, dass die Marktpartner andere Namen tragen als Familie Albrecht, Müller und Tönnies.

Viertens: Wieso muss man uns immer mit der Verbotskeule konfrontieren und unsere Einkommensmöglichkeiten beschneiden, statt uns neue zu ermöglichen?

Fünftens: Können wir nicht endlich in anderen Kategorien als die von Schuldigen zu denken und vor allem zu sprechen?

Sechstens: Wie kann man es überhaupt verantworten, Tierhaltung immer wieder derart zu verteufeln, wenn sie doch zentraler Bestandteil der Kreislaufwirtschaft ist und zudem maßgeblich zum Insektenschutz beiträgt? 

Siebtens: Weshalb werden in Sachen CO2-Bilanz bei Rindern solche Milchmädchenrechnungen aufgemacht, statt in den Vordergrund zu rücken, dass sie unser Grünland sinnvoll verwerten und fruchtbar halten? 

Achtens: Wieso wird bei einer bedarfsgerechten Düngung statt zu behaupten, sie verpeste unser Grundwasser, nicht auch mal deutlich gemacht, dass sie als organische Substanz auch maßgeblich zum Humusaufbau beiträgt? 

Neuntens: Weshalb wird medialer Skandalisierung der Landwirtschaft nicht entschieden entgegengetreten, sondern sie mit Begriffen wie Pestizid-Maschine und Ähnlichem auch noch befeuert?

Zehntens: Ich habe auf unseren Betrieben den unmittelbaren Vergleich zwischen ökologisch bewirtschafteter Fläche mit einhergehender intensiver Bodenbearbeitung und konventioneller Bewirtschaftung im Direktsaat-System ohne jegliche Bodenbearbeitung. Ich habe Herrn Minister Vogel [Landwirtschaftsminister in Brandenburg, Die Grünen] zu mir auf den Betrieb eingeladen, um sich ein Bild von der unterschiedlichen Ausprägung der Biodiversität auf unseren Flächen zu machen. Und eines habe ich vorweggenommen: Regenwurmlosung, Laufkäfer, Feldlerchen- und Kiebitzgelege finden sich bei uns auf den konventionellen Flächen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als auf den Ökoflächen – und das trotz oder vielmehr wegen des Einsatzes von Glyphosat.

Das Thema Glyphosat wurde in der öffentlichen Diskussion bewusst totgeredet auf Basis falscher Behauptungen und Ideologien, die letztlich nicht weitergeholfen, sondern schwer geschadet haben. Wieso können wir nicht einfach fachlich korrekt und ideologiefrei die Vor- und Nachteile beim Glyphosat-Einsatz abwägen

Unser vorderstes Ziel ist den unnötigen Einsatz von Betriebsmitteln, die in irgendeiner Form das Ökosystem beeinflussen können, so weit es geht zu reduzieren, aber bitte helfen Sie dabei, den Glyphosat-Einsatz für gezielte Einsatzgebiete wie Mulch- und Direktsaat oder Quecken- und Distelbekämpfung auch in Zukunft zu ermöglichen. Denn andernfalls hat die Politik dem Umweltschutz einen gewaltigen Bärendienst erwiesen.

Aus eigener Erfahrung kann ich guten Gewissens sagen: Noch nie waren konventionelle Betriebe so nachhaltig unterwegs wie heute, und gerade tierhaltende Betriebe sind die fundamentale Grundlage einer Kreislaufwirtschaft. Doch wir sind gerade auf dem besten Weg, die Tierhaltung, den Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten zu einem moralischen No-Go zu machen. Ganz bewusst und ideologisch forciert wird hier etwas für immer zerstört, wenn wir nicht endlich auch von politischer Seite entgegensteuern.

Die viel beschworene Wende vor dem Hintergrund des Klimawandels brauchen wir meines Erachtens auch in der Kommunikation in der Art und Weise, wie wir über die Landwirtschaft inklusive der Tierhaltung nicht nur sprechen, sondern auch denken. In Politik und Gesellschaft.

Landwirtschaft ist, und das ist meine tiefste Überzeugung, mehr Lösung als Problem. Also sollten wir sie auch stärker lösungs- als problemorientiert betrachten. Hier wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit und Offenheit für die Argumente des Gegenübers und Politiker als unterstützende Wegbegleiter statt als Barrikadenbauer oder Sackgassenlenker. Wir sind schon lange bereit, Sie hoffentlich auch.

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