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Bodengesundheit: Kann ein Boden eigentlich gesund sein?

Bodengesundheit – dieser Begriff taucht in letzter Zeit immer häufiger in den Medien auf. Doch was steckt eigentlich dahinter? Und was hat das mit der Landwirtschaft und unserer menschlichen Gesundheit zu tun?

Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft

Gesundheit – wenn wir dieses Wort hören, denken wir meist an die menschliche Gesundheit und unseren privaten Alltag. Erst wenn unsere Gesundheit nicht mehr zu 100 Prozent gegeben ist, fangen wir plötzlich an, sie zu schätzen. Wenn der Rücken dauernd schmerzt, die Verdauung nicht mehr so funktioniert wie bisher oder die Beweglichkeit spürbar abgenommen hat, dann denken wir gerne zurück, wie schön es doch war, als unser Körper noch einwandfrei funktioniert hat. Mit später Reue kennen wir uns aus – Vorbeugung ist da eher eine meisterliche Aufgabe: so simpel in der Theorie und fast unmöglich in der Umsetzung.
So ähnlich sieht es auch oft bei unseren Böden aus. Doch hier sind es nicht die Böden, die nicht auf sich achtgeben, sondern wir Menschen. Wir nutzen unsere Böden jeden Tag – und das hinterlässt Spuren. Zum Teil sehr tiefe Spuren, die sich sowohl auf die Bodengesundheit als auch auf unsere eigene auswirken.

Um der Frage nachzugehen, ob ein Boden überhaupt so etwas wie eine Gesundheit haben kann, braucht es einen genaueren Blick unter die Oberfläche. Und dabei wird deutlich, dass Boden und Mensch gar nicht so unterschiedlich sind. Unser Boden ist ein Lebewesen, vielmehr noch – ein gigantischer Lebensraum. Was auf den ersten Blick als einheitliche, braune Masse daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als so vielseitig, komplex und faszinierend, dass wir diese braune Masse plötzlich im ganz anderen Licht erkennen.

Unsere Böden sind lebendig und übernehmen täglich unzählige Jobs für uns. Doch das können sie nur so gut, wie wir sie lassen. Wenn wir mit einer Erkältung im Bett liegen, können wir unseren eigentlichen Job, zumindest eine Zeit lang, nicht mehr ausführen – und wenn wir‘s doch versuchen, dann hat das Ergebnis vermutlich eine deutlich schlechtere Qualität. Und so sieht es auch im Untergrund aus, wenn unsere Böden mit eingeschränkter Gesundheit ihre Jobs erfüllen sollen.

Um welche Jobs der Böden geht es dabei? Nun, zum Beispiel um die oft etwas fade formulierte aber lebenswichtige Aufgabe, Standort für unsere Nahrungsmittelproduktion zu sein. Oder als Wasserspeicher zu fungieren, egal ob in der Stadt, auf dem Acker oder im heimischen Gemüsebeet. Das Speichern ist ja ohnehin eine wahre Superkraft unserer Böden – neben Wasser speichert der Boden Luft, Nährstoffe, Schadstoffe oder das prominente Treibhausgas CO2. Besser bekannt (aber nicht spannender formuliert) als Bodenfunktionen oder Ökosystemdienstleistungen prägen diese vielfältigen Aufgaben unserer Böden den menschlichen Alltag. Und die Qualität dieser Aufgaben hängt direkt zusammen mit dem Gesundheitsstatus. Dass sich dieser bei unseren Böden in der letzten Zeit immer weiter verschlechtert hat, lässt sich nicht mehr leugnen. Es war und ist ein schleichender Prozess der Bodendegradation, doch die Konsequenzen daraus werden immer sicht- und spürbarer.

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Gesundheit ist eine Frage der Zeit

Im Vergleich zu unserem menschlichen Alltag legen unsere Böden ein deutlich langsameres Tempo an den Tag. Das geht schon bei der Entwicklung los. Wo wir es meistens schaffen, in den ersten 20 Lebensjahren eine Körpergröße von mehr als einem Meter zu erreichen, brauchen die Böden in den mittleren Breiten dafür gerne mal 10.000 Jahre. Anders formuliert: es braucht etwa ein Menschenleben (mal großzügig angesetzt mit 100 Jahren), damit 1 Zentimeter fruchtbarer Boden entstehen kann. Unsere Böden entwickeln sich aus menschlicher Sicht gähnend langsam. Da hilft es auch nicht, wenn wir ungeduldig versuchen, mit dem ein oder anderen Mittelchen die natürlichen Prozesse zu beschleunigen. Gut Ding will Weile haben, das gilt im Boden ganz besonders. Hinzu kommt, dass Boden nicht gleich Boden ist. Genauso wie die individuellen Züge von uns Menschen, gibt es viele verschiedene Typen der Bodenfamilie. Jedes Familienmitglied hat seine ganz eigenen Voraussetzungen und Eigenschaften. Sei es ein sandiges oder toniges Ausgangsgestein, die Lage am Hang oder neben einem Fluss, oder die Pflanzenwelt, die auf ihm wächst. Und nicht zu vergessen – wir Menschen, die die Böden insbesondere in den letzten Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben. Nur dank uns gibt es schließlich so „zivilisierte“ Bodentypen wie den Technosol, der es sich auf alten Müllkippen oder Industriebrachen gemütlich gemacht hat und so manch zweifelhaften „Schatz“ verbirgt. Unsere Böden sind da von Natur aus genügsam – sie entwickeln sich auf ganz unterschiedlichen Ausgangsmaterialien, sei es Sand, Felsen oder Bauschutt. Doch für uns Menschen ist es eben nicht egal, woraus und wie sich unsere Böden entwickeln, denn wir sind abhängig von ihrer Qualität und ihrer Gesundheit.

Wenn unser Blick über die Ackerflächen dieser Welt schweift und wir an der Oberfläche einheitlich den Weizen oder Mais sehen, befinden sich im Untergrund ganz unterschiedliche Bodentypen, mit unterschiedlicher Gesundheit und (je nach menschlicher Nutzung) einem guten oder eher eingeschränkten Immunsystem. Und beim Stichwort Immunsystem zeigt sich eine weitere Parallele zur menschlichen Welt. Auch im Boden ist die Widerstandsfähigkeit geknüpft an eine klitzekleine Armee aus möglichst vielfältigen Mikroorganismen, die unermüdlich damit beschäftigt ist, das Immunsystem bestmöglich funktionieren zu lassen. Menschlicher Körper und Bodenkörper wären nichts, ohne diese fleißige Untergrundtruppe. Neben unzähligen Bakterien tummelt sich unter unseren Füßen im besten Falle ein vielfältiges Team aus Pilzen, Algen, Bärtierchen, Miniskorpionen, Asseln, Spinnen, Würmern und Käfern. Und jeder von ihnen hat seine ganz eigene Aufgabe und Lieblings-Etage im Boden.

Manche Bodenbewohner bevorzugen die Nähe zur Oberfläche und haben ihren Lebensmittelpunkt in der obersten Streuschicht. Darunter leben jene, die mehr Dunkelheit zu schätzen wissen, jedoch auf eine sehr gute Sauerstoffversorgung angewiesen sind. Andere hingegen sind wahre Freunde des Untergrundes und bewohnen die tieferen Poren. In jeder Bodenetage haben sich spezielle Bodenbewohner häuslich und beruflich eingerichtet. Je ungestörter sie sind, desto besser können sie ihren Aufgaben nachkommen. Da versteht es sich wohl von selbst, dass die Kellerbewohner nicht gerade erfreut darüber sind, wenn sie nach einer zu intensiven Bodenbearbeitung plötzlich vom Sonnenlicht geblendet sind oder wenn andersherum die Freunde von Luft und Licht in größeren Tiefen verschüttet werden. Insbesondere dann, wenn der Oberboden buchstäblich auf den Kopf gestellt wurde, geht das Bodenleben nicht einfach zur Tagesordnung über. Jedes Wendemanöver ist für die kleinen Bodenbewohner vergleichbar mit einem Erdbeben in unserer menschlichen Welt – es braucht Zeit, um danach zu einem normalen Alltag zurückzukehren.

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Welche Krankheitsbilder gibt es bei unseren Böden?

Wenn regenerative Landwirtschaft große Wirkung entfalten soll, muss zunächst die Krankenakte des Boden-Patienten sorgfältig gesichtet werden: Welchen Bodentyp habe ich vor mir? Welchen Umgebungsbedingungen ist er ausgesetzt? Wie wird er regelmäßig genutzt und in welcher (Pflanzen-)Gesellschaft befindet er sich? Beim Blättern durch die bodenkundliche Patientenakte können beispielsweise folgende Krankheitsbilder auftauchen:

  • Tiefe Wunden und massiver Verlust von Humus und mineralischer Substanz, als Folge von Erosion
  • Zeichen von Mangelernährung durch enge Fruchtfolgen oder fast monokultur-artige Verhältnisse, in Verbindung mit intensiver Bodenbearbeitung
  • Nährstoff-Durchfall durch schädliche Gewohnheiten der Düngung und Bodenbearbeitung, verbunden mit einer schwindenden Speicherfähigkeit
  • Strukturelle Gebrechlichkeit – wenn aus der Untergrund-WG keiner mehr da ist, der sich um ein stabiles Bodengefüge oder die Umwandlung in stabile Humusformen kümmert
  • Abnehmende unterirdische Siedlungsdichte, wodurch immer weniger Kohlenstoff im Untergrund langfristig festgehalten werden kann
    Atemnot und Sauerstoffmangel durch Verdichtung (Symptom Pflugsohle)
  • Zu hohe Salzgehalte (durch salzhaltige, düngende Zusatzkost oder falsch dosierte Bewässerung)
  • Zu hohe Gehalte von Schwermetallen oder organischen Schadstoffen, die mit der ein oder anderen Dünge-Maßnahme auf dem Feld verteilt werden
  • Ätzende Verhältnisse durch einen zu geringen pH-Wert
  • Hitzeschäden und Kreislaufkollaps, wenn die Bodenoberfläche zu oft ohne Pflanzendecke und somit nackt in der Gegend herumliegt (massive Veränderung des Mikroklimas)
  • Im schlimmsten Fall:
    – Burn-out durch zu intensive oder falsche Nutzung
    – Totalausfall nach Versiegelung

Die Gesundheit unsere Böden kann durch vielfältige Ursachen in Mitleidenschaft gezogen werden. Und oft richten wir Menschen dabei einen Schaden an, ohne es (zunächst) zu erkennen. Denn im Boden ist es nun mal dunkel und seine Bewohner sind eher scheue Gesellen. Sie verrichten still und heimlich ihre Aufgaben und sie leiden und sterben auch still. Wenn wir von Bodengesundheit sprechen, geht es immer um die Gesundheit der Bodenbewohner – vom Regenwurm bis zur Bazille.

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Die Qualität der Behandlung

Genau wie in unseren Arztpraxen und Krankenhäusern gibt es nicht das eine, pauschale Wundermittel gegen diverse Zipperlein. Ein offener Bruch braucht eine andere Behandlung als ein chronischer Nährstoffmangel. Und wer regelmäßig unter Kopfschmerzen leidet, der ändert langfristig nichts daran, in dem im akuten Fall lediglich eine Tablette eingeworfen wird.
Auch bei einer angeknacksten Bodengesundheit hilft eine reine Symptom-Behandlung nicht weiter – die verschleiert allenfalls für eine Zeit, wie schlecht es dem Patienten wirklich geht. Nur eine Behandlung der Ursachen macht den entscheidenden Unterschied, ob unsere Böden auch für die zukünftigen Generationen ihre vielfältigen Aufgaben übernehmen und uns ein gesundes Leben mit nährstoffreichen Lebensmitteln ermöglichen können.

Welche Behandlungsmethoden können helfen, damit unsere Böden auch weiterhin als grundlegender Partner bei der Pflanzenproduktion oder zur Regulierung des Klimas ihren Aufgaben nachkommen können? Übergeordnet empfiehlt sich dabei ein Blick in die Erkenntnisse von Mutter Natur aus jahrtausendealter Forschungs- und Entwicklungsarbeit – in Kombination mit den heutigen und zukünftigen Anforderungen an unsere Böden sowie den natürlichen, regionalen Ausgangsbedingungen:

  • Ausgewogene Ernährung des Bodenlebens mit organischem Dünger, damit das Untergrund-Team gut gestärkt ist für die täglichen Aufgaben zur Verbesserung der Bodenstruktur und des Humusaufbaus
  • Minimierung der Fast-Food-Versorgung für die Pflanzen aus dem Düngerstreuer (denn da hat das Bodenleben nix von)
  • Erhalt und Förderung der Vielfalt unter und über der Bodenoberfläche – genau wie wir einen abwechslungsreichen Speiseplan zu schätzen wissen, profitiert auch die Gesundheit unserer Böden extrem von einer vielfältigen Nachbarschaft: Vielfalt im Pflanzenbewuchs = Vielfalt in der Mikrobenwelt
  • Teambildende Maßnahmen zur Stärkung der Beziehung Boden-Pflanze (z.B. weite Fruchtfolgen, ackernahe Nährstoffkreisläufe, Zwischenbegrünung)
  • Schonende und möglichst minimierte Bodenbearbeitung
  • Sicherstellung einer möglichst ganzjährigen Pflanzendecke – Boden steht nicht gerne in der Öffentlichkeit und mag es lieber bedeckt unter einem schützenden, stabilisierenden pflanzlichen Mantel. Wenn du möchtest, dass dein Boden gesund wird/bleibt, solltest du ihn möglichst selten sehen und auf eine gute Bodenbedeckung achten (aber natürlich aus Pflanzen und nicht aus Asphalt!

Um zum Schluss nochmal den Bogen zur Ausgangsfrage zu spannen, ob Böden eigentlich so etwas wie eine Gesundheit haben können – so lautet die Antwort an dieser Stelle: Jein!
Böden haben zunächst einmal einen Zustand – sie sind einfach, wie sie sind. Die Natur und mit ihr die Bodenentwicklung nehmen was da ist und setzen ihre Prozesse in Gang. Ob diese Prozesse nun negativ oder positiv bewertet werden, das liegt im Auge von uns Menschen. Wir nutzen unsere Böden und erwarten von ihnen bestimmte Leistungen. Und wenn diese Leistung nicht unseren Erwartungen entspricht, dann scheint etwas faul zu sein. Das Bild der Bodengesundheit macht es da greifbarer, wenn mit unseren Böden etwas nicht stimmt. Beim genauen Blick auf jene, die tatsächlich einen Gesundheitszustand haben (die Bodenbewohner) wird klar, dass dieses Thema tatsächlich eine zentrale Rolle spielt – erst recht, wenn es um die menschliche Gesundheit geht. Wir tun also gut daran, unseren Boden als lebendigen Nachbarn kennenzulernen und zu respektieren. Letztendlich sind auch wir Menschen Bodenbewohner und über unsere Nahrung direkt mit dem Untergrund verbunden.

Fazit

Der Appell kann an dieser Stelle gar nicht laut genug sein: Wir sollten bei der Bodengesundheit auf die Vorsorge setzen – und wo es dafür bereits zu spät ist: auf die Regeneration! Unsere Böden können sich erholen – wenn wir ihnen die nötige Pflege und vor allem Zeit geben. Denn ist die Gesundheit unserer Böden erst einmal in Mitleidenschaft gezogen, geht es eben nicht „schnell, schnell“ mit der Rückkehr zu seinem gesunden Zustand. Leider haben wir das an vielen Orten dieser Welt (und ebenso an vielen Orten direkt vor unserer Haustür) bisher stark vernachlässigt. Doch auch wenn die Uhren des Bodens langsamer ticken als unsere menschlichen Chronographen, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um mehr auf die eigene Gesundheit zu achten und dabei gleichzeitig die Gesundheit unserer Böden zu verbessern.

Wer mehr über seinen Bodennachbarn erfahren möchte, findet unterirdische Einblicke in dem Buch „Die Stimme des Bodens“. Darin kommt unser Boden endlich mal persönlich zu Wort und plaudert aus dem Nähkästchen, wie es ihm beispielsweise auf den Ackerflächen, im Moor oder als Untergrund eines Festivalgeländes so ergeht. Das Buch ist gedruckt oder digital in jeder Buchhandlung eures Vertrauens erhältlich oder hier.

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