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7 Direktsaat-Mythen

Noch immer ist die Konservierende Landwirtschaft, besser bekannt als System der Direktsaat, in Deutschland weitgehend unbekannt. Darüber hinaus halten sich einige Vorurteile, Bedenken und Mythen hartnäckig, die in der Forschung und landwirtschaftlichen Praxis mittlerweile widerlegt werden konnten.

Ein Grund dafür ist, dass das System der Direktsaat oder die Konservierende Landwirtschaft (im Englischen als Conservation Agriculture bekannt) mit der konservierenden Bodenbearbeitung, der Mulchsaat, dem pfluglosen Anbau oder anderen Verfahren der reduzierten oder Minimalbodenbearbeitung verwechselt werden – oder oft auch als Synonym verstanden werden. 

Die Forschung zu Anbausystemen ohne Bodenbearbeitung, die später zum System der Direktsaat führten, begann in Deutschland in den frühen 70er Jahren, z.B. in Göttingen. 

Auch an anderen Universitäten, wie in Gießen, Bonn und Hohenheim wurde bereits frühzeitig an diesen Themen geforscht.

Viele der heute noch verbreiteten Bedenken wurden z.B. in der Forschung von Herrn Prof. Tebrügge der Universität Gießen bereits vor der Jahrtausendwende widerlegt. 

In einer Studie aus Deutschland und den USA zeigte er z.B., dass Fachleute, die die Direktsaat nur aus der Theorie kannten, vorwiegend Probleme dabei sahen und Bedenken äußerten, während Landwirte und Berater mit praktischer Direktsaaterfahrung kaum über Probleme, vielmehr aber über die Vorzüge und Chancen des Verfahrens sprachen. 

Diese Forschungsergebnisse blieben in Deutschland bisher weitgehend unbeachtet. Und derzeit gibt es kaum noch eine ernstzunehmende Forschung in Deutschland, die mit dem Stand der Direktsaatforschung in Brasilien, Kanada, den USA, aber auch afrikanischen Ländern wie Zimbabwe, Zambia, Südafrika, oder asiatischen wie Indien, Kasachstan, China Schritt halten kann. 

Allerdings ist zu bemerken, dass die Bodenbearbeitung in Deutschland eine nahezu religiöse Verehrung erfährt, denn sie hat die deutschen „Kulturlandschaften“ geschaffen. Zu der Zeit wurde jedoch noch mit Zugtieren geackert, die Bodenbearbeitung war weniger intensiv, weniger tief und die Fruchtfolgen durch großflächigen Futteranbau aufgelockerter. 

Dazu kommt, dass die zerstörende Wirkung der Bodenbearbeitung klimaabhängig ist: während die Wiegen des Ackerbaus in der Menschheitsgeschichte, wie das Zweistromland oder der Nahe Osten, heute überwiegend Wüsten sind, dauern die Prozesse der Bodenzerstörung in gemäßigten Klimaten wie in Mitteleuropa deutlich länger. Aber im Zuge des Klimawandels bekommen wir auch in Deutschland die Folgen der Bodenzerstörung immer deutlicher zu spüren.

Zwischenfruchtfeld von Michael Reber im November 22 in Süddeutschland (Foto: Jan Wagner)

Mythos 1: Man kann auf die wendende Bodenbearbeitung nicht vollständig verzichten, da sie zum Humusaufbau führt.

Anders als vielfach angenommen führt die wendende Bodenbearbeitung nicht notgedrungen zum Humusabbau, sondern kann zur Humusbildung beitragen.

Dieser Mythos wurde durch eine Studie des Thünen-Instituts (Thünen Report 64, 2018) bestärkt und kürzlich öffentlichkeitswirksam in der Fachpresse für die Vorstellung eines 2-Schichten Pfluges zur Humusanreicherung durch einen namhaften deutschen Landmaschinenhersteller erwähnt. 

Diese Studie hat auch international viel Aufsehen erregt, da sie den Stand der internationalen Forschung zum Thema Bodenhumus und organische Substanz völlig ignoriert. Wäre die Pressemitteilung etwas später erschienen, hätte man sie als Aprilscherz abtun können. Man könnte die darin gewonnenen Erkenntnisse vergleichen mit der Feststellung, dass die Erde doch keine Kugel, sondern eine Scheibe ist. Der 2-Schichten Pflug ist jedoch weder neu, noch hat er sich in der Praxis durchgesetzt oder bewährt. Auch konnte einer der maßgeblichen Autoren der Studie seine Forschung in einer Videokonferenz zu „Humusaufbau und Bodenschutz – welche Faktoren sind entscheidend?“ am 21.01.2022 nicht überzeugend darlegen. 

Zu dem Seminar waren u.a. Dr. Gernot Bodner von der BOKU in Wien sowie zahlreiche Landwirte geladen. Der Mitschnitt der Diskussionsrunde im Anschluss an die Vorträge kann auf YouTube einsehen werden. 

Zur besseren Einschätzung der Untersuchungen des Thünen-Institutes zum Humusaufbau beim Pflügen empfiehlt sich, die Masterarbeit von Herrn Maik Freitag mit dem Thema „Die Klimabilanz des Direktsaatsystems – Detailanalyse einer Fallstudie“ zu lesen (Fakultät der Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Karlheinz Köller). 

Diese analysiert nicht nur die besagte Studie, sondern befasst sich intensiv mit den Stärken und Schwächen des Direktsaatsystems im Hinblick auf den Humushaushalt. Insbesondere ist die Tatsache, dass mit der Bodenbearbeitung der Humusgehalt im Boden sinkt, keine Vermutung, sondern durch zahlreiche Untersuchungen belegt. 

Als Beispiel können die Arbeiten von Don Reicosky in den USA genannt werden, die eindeutig zeigen, dass die CO2 Emissionen aus dem Boden, die aus dem Humusabbau herrühren, linear korreliert sind mit dem bewegten Bodenvolumen. Die Mechanismen, die zu einem Humusauf- bzw. – abbau im Boden führen, und wie diese wirken, sind bekannt, was sich dann auch in praktische Erkenntnisse wie z.B. Verfahrensprotokolle zur Humusanreicherung und Kohlenstoffspeicherung umsetzen lässt.

Der Pflug, aber auch jede sonstige Art der Bodenbearbeitung sind dabei generell nicht förderlich. Für ein weiteres Studium dieser Vorgänge dienen die wissenschaftlichen Arbeiten von Rattan Lal, Don Reicosky, João Carlos de Moraes Sá, Lucien Séguy, um nur einige der international renommierten Bodenkohlenstoff Forscher zu nennen. 

Als zusammenfassende Lektüre ist auch die von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 2012 verfasste Metaanalyse zu dem Thema zu empfehlen (Soil Organic Carbon Accumulation and Greenhouse Gas Emission Reductions from Conservation Agriculture: A literature review, Integrated Crop Management Vol.16-2012). 

Auch ist das Buch „Dirt – The erosion of civilizations“ von David Montgomery sehr hilfreich, die Wirkung der mechanischen Bodenbearbeitung auf Bodenleben und Humus zu verstehen.

Spatenprobe einer Direktsaat-Zwischenfrucht von Michael Reber (Foto: Jan Wagner)

Mythos 2: Mulchsaatsysteme sind vergleichbar mit dem System der Direktsaat und in Deutschland das dominierende Anbauverfahren.

In den Jahren vor 2008 wurden Mulchsaatsysteme in Deutschland wegen der hohen Diesel- und niedrigen Weizenpreise populär, waren aber auch damals nicht das dominierende Anbausystem. Andererseits sind Mulchsaatsysteme nicht das, was als Konservierende Landwirtschaft oder Direktsaatsystem bezeichnet wird. 

Als Systeme, die eine ganzflächige mechanische Bodenbearbeitung beinhalten, zählen sie zu den konventionellen Verfahren, auch wenn sie nicht wendend arbeiten. Diese Systeme bringen im Übrigen viele Nachteile mit sich, einschließlich der Unkrautproblematik und der Sätechnik, ohne dass sie die ökologischen Vorteile der Konservierenden Landwirtschaft bieten.

Mythos 3: Es gibt in Deutschland nur sehr wenige direktsaatfähige Standorte.

U.a. werden als Begründung für die Nichteignung die hohen, oder auch niedrigen Niederschläge in Deutschland, sowie die sehr hohen Getreidestroherträge genannt.

Dieses Vorurteil wird gerne aus der Tatsache abgeleitet, dass die Direktsaat in Deutschland nur in sehr geringem Maße verbreitet ist. Hierzu wird die Lektüre des Werkes „Advances in Conservation Agriculture“, erschienen im Burleigh & Dodds Verlag, empfohlen, welches derzeit wohl das umfassendste Werk zu dem Thema Konservierende Landwirtschaft darstellt. 

In 3 Bänden wird die Theorie, Praxis, Geschichte sowie die globale Verbreitung der Konservierenden Landwirtschaft beschrieben. Demnach gibt es keine Standorte auf der Welt, die nicht direktsaatfähig sind, was auch für Deutschland gelten dürfte.

Da in der Natur die mechanische Bodenbearbeitung nie vorgesehen war, ist diese auch nicht notwendig, um Pflanzenwachstum zu ermöglichen. Eine naturnahe und vor allem nachhaltige Landwirtschaft ist mit Bodenbearbeitung nicht möglich. 

Die Direktsaatsysteme werden mit großem Erfolg in Gebieten mit höheren Niederschlägen, als in Deutschland je vorkommen, durchgeführt. Die genannten Stroherträge sind bei Einsatz geeigneter Ernte- und Saattechnik kein Problem, und es gibt erfolgreiche Direktsaatsysteme, die bei ungünstigen Fruchtfolgen sogar höhere jährliche Strohmengen produzieren, und dennoch damit keine Probleme haben. 

Sehr trockene Bedingungen, wie wir sie etwa in Nordkasachstan, West Australien oder dem Afrika südlich der Sahara haben, erschweren in der Tat die Verwendung von Zwischenfrüchten. In Deutschland sind wir jedoch zum Glück bisher noch nicht bei jährlichen Durchschnittsniederschlägen von 200 mm angekommen. Unter deutschen Trockenbedingungen ist das Etablieren von Zwischenfrüchten in konventioneller Landwirtschaft aufgrund der dort auftretenden Wasserverluste in der Tat sehr schwer.

Auch in der Direktsaat, besonders in den ersten Jahren, ist es schwierig, Zwischenfruchtbestände zu etablieren, die eine vollständige Unkrautkontrolle ermöglichen. 

Praktikerberichte aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zeigen aber, dass es nicht unmöglich ist, und dass die Bedingungen sich mit der Zeit verbessern. Darüber hinaus arbeiten viele Direktsaatlandwirte an Verfahren, durch eine ständige Unter- und Zwischenfrucht das Etablieren derselben zu verbessern und auch den Wasserhaushalt der Systeme positiv zu beeinflussen. 

Leider erhalten diese Praktiker noch keine Unterstützung von der deutschen Agrarforschung, was auch mit am derzeitigen Fehlen einer diesbezüglichen Politik liegt. Veränderungen sind jedoch in Sicht!

Direktsaat-Spatenprobe von Alexaner Klümper in Sachsen-Anhalt (Foto: Timo Schlichenmaier)

Mythos 4: Die Kontrolle von Unkräutern und Pilzerkrankungen ist ohne Bodenbearbeitung nicht möglich und führt zu höherem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Auch dieser Mythos kann nicht durch praktische Erfahrungen bestätigt werden. Selbst in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz, um nicht zu weit in den Rest der Welt abzuschweifen, beobachten die Direktsäer, dass bei ordnungsgemäßer Durchführung der Konservierenden Landwirtschaft mit all ihren 3 Prinzipien, ein Rückgang des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln, insbesondere Insektiziden, Fungiziden aber auch Herbiziden stattfindet.

Diese Erfahrungen, die sich im Übrigen auch mit der internationalen Literatur zu dem Thema decken, wurden auf eindrucksvolle Weise auf der 3-tägigen Soil Evolution Tagung (31. Mai bis 2. Juni 2022, Hofgut Dettenberg in Uttenweiler) von Praktikern aus den drei genannten Ländern vorgetragen.

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet, und die Aufzeichnungen sind u.a. über die GKB verfügbar und als Informationsmaterial zu empfehlen. Die Gründe dafür, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Wirklichkeit in der konservierenden Landwirtschaft rückläufig ist, sind leicht zu erklären. In der Tat kann zur Unkrautbekämpfung nicht die mechanische Bodenbearbeitung eingesetzt werden. Diese ist aber bei ständiger Anwendung auch keine wirkliche Unkrautbekämpfungsmaßnahme. Wissenschaftliche Untersuchungen, z.B. von Anderson in den USA, haben bereits vor Jahren gezeigt, dass die Bodenbearbeitung insbesondere bei Samenunkräutern zu höheren Unkrautpopulationen führt als ein nicht bearbeiteter Boden. Allgemein beeinflusst die Bodenbearbeitung die Unkrautflora, bekämpft sie aber nicht.

Einige Unkräuter können durch die Bodenbearbeitung sogar vermehrt werden. Andernfalls gäbe es in der konventionellen Landwirtschaft mit Bodenbearbeitung auch keinen Einsatz von Herbiziden, insbesondere von Glyphosat. Dies können auch Direktsäer bestätigen, die mit Zinkenscharen an den Sämaschinen arbeiten, bei denen es in der Saatreihe zu einer gewissen Bodenbewegung kommt, was dort die Keimung von Unkrautsamen stimuliert. Folgende Praktiken sind im Übrigen hilfreich bei der Unkrautkontrolle, und auch traditionell in Deutschland bekannt: vielseitige Fruchtfolgen, insbesondere unter Einbeziehung von Futterpflanzen und Weideflächen sowie eine Beschattung des Bodens durch Ernterückstände oder Zwischenfrüchte.

Ein in der Biolandwirtschaft auch heute noch gerne verwendeter Klassiker ist das Landsberger Gemenge. Diese Praktiken finden sich auch in den Prinzipien der Konservierenden Landwirtschaft wieder. Darüber hinaus gibt es sehr wohl mechanische Kontrollmöglichkeiten, die nicht in den Boden eingreifen: das wohl bekannteste und effizienteste Gerät ist dabei die Messerwalze, die bei sachgerechtem Einsatz eine Bestandskontrolle von über 95% erreichen kann und damit ähnlich effizient ist wie ein Totalherbizid.

Auch kurzes Mulchen oder Zwischenreihen-Mäher, wie sie ebenfalls in der Biolandwirtschaft in Reihenkulturen angewendet werden, sind weitere mechanische Alternativen zur Unterdrückung des Wachstums der Beikräuter. Es geht bei der Konservierenden Landwirtschaft auch nicht um vollständig unkrautfreie Bestände, sondern darum, die Beikräuter so weit zu kontrollieren, dass sie weder den Ertrag verringern noch die Ernte behindern oder das Erntegut qualitativ beeinträchtigen.

Des Weiteren gibt es Verfahren zur Zerstörung von Unkrautsamen im Mähdrescher, und die Forschung arbeitet an weiteren nicht chemischen und nicht bodeneingreifenden Verfahren zur Unkrautbekämpfung wie Hochspannung, Mikrowellen auch im Zusammenhang mit Feldrobotern und Schwarmtechniken. All dies kann ebenfalls in den oben erwähnten „Advances in Conservation Agriculture“ nachgelesen werden.

In der heutigen Praxis berichten aber die Praktiker, dass sie generell, selbst bei der Umstellung, nicht mehr Herbizide verwenden, sondern eher weniger, und dass der Unkrautdruck mit der Zeit nachlässt, so dass es auch heute schon, wenn auch wenige, organische Direktsäer gibt. In diesem Bereich ist das Rodale Institut in den USA wohl führend in der Forschung. Rick Clark aus Indiana / USA ist ein prominentes Beispiel für Organic No Till auf großen Flächen.

Gleichwohl sind aber Herbizide – wie Glyphosat – auch in der Konservierenden Landwirtschaft, nützliche Helfer bei der Unkrautkontrolle, insbesondere in den ersten Jahren nach der Umstellung. Der Rückgang des Einsatzes von Fungiziden und Insektiziden in der Konservierenden Landwirtschaft ist meistens noch deutlicher und lässt sich ebenfalls leicht erklären. Dadurch, dass der Boden und der bodennahe Bereich über dem Boden nicht gestört wird, kann sich dort eine vielfältige Biodiversität entwickeln. Insbesondere größere Lebewesen, die Räume für ihre Entwicklung benötigen, wie Pilze, Insekten oder auch höhere Tierarten, nehmen in Anzahl und Diversität zu. Dadurch kommt es zu einer besseren natürlichen Kontrolle von Schaderregern, die ja ihrerseits ebenfalls Antagonisten haben. Auch verbessert sich die Pflanzengesundheit durch eine bessere Wurzelentwicklung und Nährstoffverfügbarkeit. Insbesondere Pilze, wie Mykorrhiza, können sich in nicht bearbeiteten Böden permanent ansiedeln und vermehren. All dies führt zu den beschriebenen Effekten, die bereits nach wenigen Jahren deutlich werden.

Die erhöhte Biodiversität im Boden führt auch zu einer höheren und sichtbaren Biodiversität über dem Boden. Es werden auf Direktsaatflächen mehr Insekten, Reptilien, bodenbrütende Vögel, Wild und auch Raubtiere beobachtet, womit diese Flächen in der Biodiversität ähnlich, wenn nicht sogar höher zu bewerten sind als stillgelegte und der Natur überlassene Schutzflächen.

Mythos 5: Mäuse und Schnecken machen die permante Direktsaat in Deutschland unmöglich

Mäuse und Schnecken sind in der Tat Problemschädlinge, insbesondere in einigen Jahren.

Diese Schädlinge treten zyklisch auf, oft auch wetterabhängig, und es ist im Zuge des Klimawandels damit zu rechnen, dass sie zunehmen. Generell sind zyklische Schädlingspopulationen auch ein Zeichen von nicht funktionierenden Ökosystemen. In typischen Mäuse- oder Schneckenjahren sind im Übrigen auch konventionelle Landwirte betroffen. Direktsäer, die mit diesen Schädlingen zu kämpfen haben, haben meist Mittel und Wege gefunden, den Schaden zu begrenzen, wie dies auch in der derzeit praktizierten konventionellen Landwirtschaft der Fall ist. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein Direktsäer die erzielten Vorteile in der Direktsaat durch eine Rückkehr zum Pflug wegen einer Mäuse- oder Schneckenplage aufgibt. Auch für diese Schädlinge gilt, dass sie natürliche Feinde haben, die in einem funktionierenden Ökosystem ihre extreme Verbreitung einschränken können. So wurde in Mecklenburg-Vorpommern beobachtet, dass Mäuseschäden auf Direktsaatflächen nur in Bereichen auftraten, die weiter als 50 m von Baumreihen entfernt waren. Eine höhere Dichte von Baumreihen in diesen großflächigen Agrarwüsten könnte Raubvögeln bessere Aussichtspunkte und somit eine leichtere Jagd ermöglichen. Die im biologischen Landbau, der damit nicht wirklich „ökologisch“ genannt werden kann, praktizierte Bodenbearbeitung zur Schädlingsbekämpfung basiert auf einer überkommenen Vorstellung von Schädlingsbekämpfung. Sie ignoriert die natürliche Kontrolle von Schadpopulationen, die durch einen so einschneidenden Eingriff wie die Bodenbearbeitung völlig zum Erliegen kommt. Auch im biologischen Landbau müssen daher Mittel zur Schädlings- und Krankheitskontrolle eingesetzt werden, die, auch wenn sie „natürlichen Ursprungs“ sind, ökologisch oft nicht weniger bedenklich sind als synthetische Produkte.

Da sie aber meist nicht die gewünschte Wirkung erzielen, sind die Erträge im Biolandbau generell geringer, und im Zuge des Klimawandels kann auch häufiger mit totalen Ernteausfällen gerechnet werden, wie dies im Biolandbau in tropischen Gebieten bereits heute der Fall ist.

Mythos 6: Bodenverdichtungen machen die permante Direktsaat unmöglich

Schadverdichtungen sind in der Tat ein Problem im Boden. Sie entstehen aber nur in seltenen Ausnahmefällen durch natürliche Verdichtungsprozesse. Fast alle Schadverdichtungen entstehen durch die Bodenbearbeitung selbst sowie durch Maschinenverkehr. Neben den bekannten Pflugsohlenverdichtungen sind es insbesondere Scheibengeräte, die bei regelmäßiger Anwendung aufgrund ihrer Kräftediagramme zu einer Bodenverdichtung führen, die sich von unten nach oben aufbaut, vergleichbar mit der Wirkung von Untergrundpackern. Darüber hinaus führt die Bodenbearbeitung durch den Effekt des Humusabbaus dazu, dass die lebendverbaute Bodenstruktur abnimmt und insbesondere Löß- und Sandböden keine eigenen strukturbildenden Kräfte mehr haben.

Diese sind damit leichter durch Maschinenverkehr zu verdichten. Allgemein gilt, dass nicht bearbeitete Böden eine höhere Tragfähigkeit haben als bearbeitete und weniger anfällig sind für Verdichtungen. Auch finden in nicht bearbeiteten Böden Strukturbildungen in Form von tiefreichenden Makroporen, z.B. Regenwurmgängen statt, die mehrere Meter in den Untergrund reichen und somit eine wesentlich größere Tiefe erreichen als z.B. mechanische Untergrundlockerer.

Da die Regenwurmdichte in Direktsaatflächen die von bearbeiteten Flächen, einschließlich des biologischen Landbaus, bei weitem überschreitet, ist auch die Wasserzügigkeit auf Direktsaatflächen wesentlich höher als auf bearbeiteten. Dies führt dazu, dass bei ungünstigen Witterungsbedingungen der Boden früher befahrbar ist als ein bearbeiteter. Dies alles bedeutet nicht, dass Schadverdichtungen bei Direktsaat kein Thema sind. Aber die Gefahr einer Schadverdichtung ist geringer, und die Direktsaat bietet mit der Bodenfauna und Flora eine Möglichkeit, den Unterboden unterhalb der Erreichbarkeit von Tiefenlockerern zu öffnen, die in der konventionellen Landwirtschaft nicht besteht.

Aufgrund der heute üblichen Landmaschinenmassen reichen die Schadverdichtungen oft weit in den Unterboden und können sich dort aufbauen, ohne dass sie mechanisch beseitigt werden können. Dies ist mit ein Grund für die immer häufiger auftretenden Flutkatastrophen bei moderaten Regenfällen. Neben dem Einsatz von „biologischen Untergrundlockeren“ in der Form von tiefwurzelnden Zwischenfrüchten kann auch in der Direktsaat ein mechanischer Untergrundlockerer, wie z.B. der speziell für diesen Zweck entwickelte Parapflug, eingesetzt werden – allerdings nur in extremen Ausnahmefällen, die es auch wegen der entstehenden Kosten zu vermeiden gilt.

Generell werden Schadverdichtungen durch Reifendruckkontrollsysteme in Verbindung mit bodenschonenden Fahrwerken (Niederdruckreifen bzw. Gummiraupenfahrwerke) in der Direktsaat wirkungsvoll vermieden. Für Großbetriebe und den Einsatz großer und schwerer Landmaschinen ist dagegen das System permanenter Fahrgassen eine Lösung, die Schadverdichtungen in der Wurzelzone vollständig vermeidet und die Befahrbarkeit der Äcker auch bei extremen Witterungsbedingungen ermöglicht.

Mythos 7: eine naturnahe „ökologische“ Landwirtschaft ist weniger intensiv und damit auch weniger produktiv

Dieses Vorurteil entsteht in Deutschland, da die einzige als „ökologisch“ eingestufte Art der Landwirtschaft die Biolandwirtschaft ist, die in der Tat öfter geringere Erträge hat als die „intensive“ Landwirtschaft.

Darüber hinaus hat sich seit der grünen Revolution der Glaube verfestigt, dass die Intensität und damit die Produktivität der Landwirtschaft mit dem Einsatz von Produktionsmitteln verknüpft ist: mehr Energie für eine intensivere Bodenbearbeitung, mehr Dünger, mehr Pflanzenschutz und mehr Aufwand für Hochzuchtsaatgut führen automatisch zu höheren Erträgen.

Eine Landwirtschaft mit geringerem Einsatz von Produktionsmitteln, insbesondere ohne Bodenbearbeitung, wird in Deutschland als extensiv und damit wenig produktiv bezeichnet. Dass dies nicht der Fall ist, haben die weltweiten Praxiserfahrungen mit der Konservierenden Landwirtschaft gezeigt. So verdoppelte sich in Brasilien die Getreideproduktion parallel zur Zunahme der Direktsaat bei gleichbleibender Anbaufläche. Weltweit wurde beobachtet, dass die Erträge und die Flächenproduktivität in der Konservierenden Landwirtschaft zunahmen, während der Einsatz von Produktionsmitteln sank. Dies führte u.a. dazu, dass die Welt Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO 2009 die „Nachhaltige Intensivierung“, eine nachhaltige, aber dennoch produktive Landwirtschaft, als oberstes strategisches Ziel der Organisation und als neues Paradigma für die Landwirtschaft nach der grünen Revolution einführte.

Konservierende Landwirtschaft möglich machen

Es gibt also keine stichhaltigen Gründe, die gegen eine generelle Einführung der Konservierenden Landwirtschaft in Deutschland sprechen. Man könnte sogar als langfristiges Ziel ein differenziertes Verbot der Bodenbearbeitung vorschlagen, ähnlich wie dies derzeit im Falle von Glyphosat diskutiert wird.

Während eine Bodenbearbeitung als generelle periodisch wiederholte Kulturmaßnahme ökologisch nicht vertretbar ist und somit generell verboten werden sollte, kann es in begründeten Ausnahmefällen durchaus sinnvoll sein, den Boden mechanisch zu bearbeiten. Dies trifft nicht nur für die Untergrundlockerung als Notfallmaßnahme zu, sondern z.B. auch für die Wiederherstellung von Bewässerungsfurchen oder permanenten Dämmen in entsprechenden Kulturen. Auch ist eine Streifenbearbeitung zur Saat ökologisch vertretbar, soweit sie nicht mehr als 25 Prozent der Bodenoberfläche betrifft und die Streifen nicht breiter als 15 cm sind.

Im Übrigen ist vor einer Umstellung zur Direktsaat eine generelle Untergrundlockerung und eventuell auch eine Pflugfurche zur Einebnung der Felder vor der letzten bearbeiteten Kultur zu empfehlen. Ein ähnlich differenziertes Verbot sollte auch für das Glyphosat angewandt werden, indem es für sämtliche Anwendungen auf bearbeiteten Flächen, als Erntehilfsmittel, auf nicht landwirtschaftlichen Flächen wie Eisenbahnen, Wegen, Hausgärten etc. verboten und lediglich in der Direktsaat auf nicht bearbeiteten Böden mit organischer Bodenbedeckung als Mittel zur Sanierung vor der Saat erlaubt sein werden sollte.

Generell sollte das Direktsaatsystem der Konservierenden Landwirtschaft in Deutschland durch Politik und Forschung gefördert werden, wobei auch wichtig ist, ein Bewusstsein für die umweltzerstörende Wirkung der mechanischen Bodenbearbeitung zu schaffen, die in der Breite und Langfristigkeit ihrer Schäden viele chemischen Pflanzenschutzmittel übertrifft.

Angesichts der aktuellen Umweltprobleme wie Artensterben, Gewässerbelastung mit Nitraten, Phosphaten und Pflanzenschutzmitteln, Wetterextremen bedingt durch den Klimawandel, erscheint es dringend erforderlich, neue Wege zu beschreiten und nicht die Lösung in den üblichen landwirtschaftlichen Praktiken zu suchen, die zum Teil mitverantwortlich für die zunehmenden Umweltschäden sind. 

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